Ertappt

 

Joy drehte sich mit einem Ruck wortlos um, marschierte geradlinig und ohne ihn anzusehen an ihm vorbei. Wäre da eine Türe gewesen, sie hätte sie mit voller Wucht zugeknallt. Er beeilte sich, ihre Sachen zusammenzuraffen und ihr hinterher zu eilen. Der Jupe tropfte noch immer und zog eine nasse Spur durch den Garten. Alfredo rief ihm noch etwas nach. Er verstand es zwar nicht, aber er konnte sich denken, was er sagen wollte. Sie blieb wortlos neben seinem Auto stehen. Er schloss mit der Fernbedienung auf, doch sie blieb unbeweglich stehen bis er beim Auto angekommen war und ihr die Türe aufhielt.

 

Nachdem sie eingestiegen waren, fragte er, wohin er sie bringen soll. „Hast du gemeint, ich würde mit diesen unmöglichen Klamotten durch die halbe Stadt laufen? Bring mich gefälligst nach Hause!“, war ihre Antwort. Oha, da war dicke Luft, wie er es schon zuvor geahnt hatte. Aber er wusste noch gar nicht, wo sie wohnte. Und fragen mochte er auch nicht. Also fuhr er der Seepromenade entlang, wo er sie aufgegabelt hatte und hoffte, sie würde sich melden, wenn er abbiegen musste.

  

***

 

Auweia! An sie hatte er gar nicht mehr gedacht! Der Schreck durchzuckte seine Glieder! Da vorn war der Wagen von Bettina! Nichts wie weg, nächste rechts. Das Tête à Tête unter den Büschen hatte etwas länger gedauert. Es war aber auch nicht vorauszusehen, dass Joy ins Wasser fällt. Die Ereignisse hatten sich überstürzt. Bettina hatte er dabei total vergessen! Er konnte nur hoffen, dass sie ihn noch nicht gesehen hatte. Das wäre eine Katastrophe! Neben ihm sass diese aufreizende Blondine mit den nassen Haaren. Mit den geliehenen Klamotten war sie zwar etwas weniger sexy, aber ein schlechtes Gewissen hatte er trotzdem. Was, wenn Bettina ihn doch gesehen hatte? Ihm würde kaum eine plausible Ausrede einfallen. Die Situation war zu eindeutig. 

 

Er wurde von einer keifenden Stimme aus seinen Gedanken gerissen. Diese Stimme! Konnten diese Töne von seiner Mitfahrerin stammen? Von diesem zarten, wunderhübschen Wesen, das er bis vor wenigen Minuten noch so begehrt hatte? Es bestand kein Zweifel, Joy hatte ihren Wutanfall. Sie schrie regelrecht und ihre Stimme überschlug sich: „Nach Hause habe ich gesagt! Was fällt dir ein? Wohin fährst du mit mir? Ich halte das nicht mehr aus. Bring mich nach Hause! Sofort!  

 

*** 

 

Bettina war immer wütender und gleichzeitig auch unruhiger geworden. War vielleicht doch etwas passiert? Ach was! Sie war doch nicht blöd! Es war inzwischen schon vier Uhr vorbei. Sie war es Leid zu Hause zu sitzen und zu warten. Sie musste etwas unternehmen. Zuerst wollte sie mal an der Seepromenade entlang fahren. Bestimmt war er nicht weit von dort.

Und wie recht sie hatte! Sie war kaum in die Seestrasse eingebogen, als sie schon von weitem den roten Flitzer von Fred bemerkte. Er kam ihr entgegen. Sie musste nur warten, bis sie beide auf gleicher Höhe waren, dann wüsste sie Bescheid!

 

Aber kurz bevor sie einander gekreuzt hätten, bog Fred rechts ab. Doch sie hatte genug gesehen! Das helle Blond seiner Begleiterin auf dem Beifahrersitz stach ihr sofort in die Augen. Sie musste zugeben, dass sie sehr hübsch war und blutjung. Ihre nassen Haare klebten immer noch an ihrer Bluse. Wo waren die beiden bloss gewesen? Und wohin ging die Reise? Sie beschloss den beiden zu folgen. 

Dummerweise konnte sie hier nicht gleich links abbiegen. Ein Grünstreifen hinderte sie daran. Sie musste dreihundert Meter weiter fahren bis zum Kreisverkehr, wo sie wenden konnte. Inzwischen war das Cabrio von Fred natürlich längst verschwunden. Sie beeilte sich und bog in dieselbe Nebenstrasse ein wie Fred. Aber von den beiden war weit und breit nichts mehr zu sehen. Sie beschleunigte. 

Sie sah gerade noch im rechten Augenwinkel das Blitzgerät hinter einem geparkten Auto stehen. Auch das noch! Das hatte gerade noch gefehlt. Zu allem Übel stand weiter vorn eine Streife und bedeutete ihr anzuhalten. „So Madame, wohin so eilig?“, fragte der Uniformierte. Erst jetzt bemerkte sie, dass es eine Polizistin war, die mit ihr sprach. 

Bettina witterte ihre Chance und beeilte sich, sich bei der Beamtin zu entschuldigen. „Ich habe soeben meinen Mann mit einer blutjungen Blondine im Wagen unten an der Seepromenade ertappt und wollte ihm hinterher fahren.“ Die Polizistin erfasste die Situation sofort und bestätigte, dass vor kurzem ein Cabrio mit einem gutaussehenden Herrn, in Begleitung einer jungen Blondine hier entlang gefahren sei. „Ok, ich lasse sie fahren, aber seien sie vorsichtig. Die Busse wird ihnen später zugestellt.“ 

Bettina hörte den Schlusssatz bereits nicht mehr. Sie war schon weiter gefahren und hielt nach rechts und links Ausschau, wohin sich die beiden verkrochen haben könnten. Nichts war zu sehen. Sie waren wie vom Erdboden verschwunden. 

 

Tränen kullerten über ihre Wangen. Tränen der Wut und der Enttäuschung. Sie konnte kaum was sehen, alles war verschwommen. Sie schniefte. Im Handschuhfach war vielleicht noch ein Taschentuch. Sie beugte sich nach rechts, öffnete das Handschuhfach und suchte nach der Packung Papierna…

 

Ein lauter Knall. Glas splitterte, Reifen quietschten und ihr Wagen drehte sich um seine eigene Achse. Sie flog mit der Brust gegen die Mittelkonsole.

 

Ihr erster Gedanke galt Fred und dass er ihr nun entwischen würde. Ein Übel kam selten allein! Fred hatte sie betrogen, sie wurde geblitzt und nun das kaputte Auto. Andererseits kam sie selbst offenbar mit dem Schrecken davon. Vorsichtig richtete sie sich auf. An einigen Stellen tat es zwar weh, aber sie konnte alles bewegen und sie sah nirgends Blut. Sie atmete tief durch. Ja, das Atmen fiel ihr etwas schwer, aber wenn sie ganz vorsichtig einatmete, dann ging es.

 

Keine Minute später war die Polizei schon hier. Natürlich hatten sie den Knall auch gehört und hatten bereits eine vage Ahnung, was passiert sein könnte. Der Wagen dieser betrogenen Ehefrau war leicht nach rechts von der Spur abgekommen und ungebremst in ein geparktes Auto geprallt. Sie hatten sie gewarnt.

 

Sie zogen die Frau aus ihrem total demolierten Wagen. Sie war offenbar ungebremst mit über 50 Km/h in das parkierte Auto geprallt. Glücklicherweise war sie auf den ersten Blick unverletzt. Sicherheitshalber verständigten sie trotzdem die Rettung. Die Fahrerin musste durchgecheckt werden. Damit war nicht zu spassen. Bei dieser Geschwindigkeit war eine Verletzung wahrscheinlich.

 

Noch bevor der Krankenwagen zur Stelle war, bekam Bettina Atemnot und rang nach Luft! Die Beamtin bettete sie flach in Seitenlage in ein angrenzendes Wiesenstück und öffnete ihre Bluse. Im Liegen war es etwas besser. Vermutlich waren einige Rippen gequetscht oder gebrochen. Als die Polizistin sich dem anderen Beamten zuwandte und ihm bei der Schadensaufnahme helfen wollte, begann Bettina Blut zu husten. Sie hatte immer mehr Mühe beim Atmen.

 

Glücklicherweise hörte man bereits das Martinshorn der Sanität. Bettina rang nach Luft und ihre Lippen färbten sich langsam blau. Die Helfer erkannten den Notfall sofort. Der ältere bückte sich über sie und horchte sie mit dem Stethoskop[1] ab. „Sie hat einen Spannungspnoe![2] Bitte, bring mir sofort eine dicke Nadel!“, rief er dem jüngeren Sanitäter zu. Inzwischen inspizierte er ihre Mundhöhle, aber das Blut kam von weiter unten, nicht aus dem Rachen.

 

Bettina rang immer mehr nach Luft. Sie drohte zu ersticken! Der ältere Sanitäter handelte rasch und richtig. Er öffnete ihre Bluse ganz und stach mit der Nadel zwischen ihre Rippen. Ein zischendes Geräusch wie von entweichender Luft war zu hören. Ein Stöhnen. Bettina tat einen tiefen Atemzug! Sofort ging es ihr besser und sie atmete zusehends leichter. Einzig der Schmerz auf der rechten Seite war geblieben. Aber die Erstickungsgefühle und die Todesangst waren vorbei.

 

Der Sanitäter fixierte die Nadel, holte eine breite elastische Binde und wickelte damit ihren Brustkasten ein. „So haben sie weniger Schmerzen. Der Verband ist zur Stabilisierung und zum Schutz, damit die Nadel nicht verrutscht. Diese muss drin bleiben, bis wir im Spital sind. Im Spital wird geröntgt und bestimmt sind noch eine Menge weiterer Untersuchungen nötig.“

 

Bettina war erleichtert. Vorerst hatte sie den Unfall glimpflich überstanden. Sie wollte das Weitere gelassen hinnehmen, wenn sie nur mit dem Leben davon kam. 

Wo ist Freds Wagen? 

 

Fred kaute auf der Unterlippe. Wie konnte er dieses schimpfende und zeternde Ungeheuer wieder loswerden? Glücklicherweise kannte ihn niemand in dieser Gegend. „Also was nun“, fragte er mit beherrschter Stimme, „wo wohnst du überhaupt?“ Sie gab keine Antwort. Schweigen. Fred folgte weiter dieser Strasse und überlegte. Er könnte sie einfach am Ort, wo er sie aufgegabelt hatte, wieder aussteigen lassen. Er hatte keine bessere Idee. Also nahm er die nächste Strasse nach links und fuhr zurück in Richtung Promenade.

 

Dort entliess er sie mit den Worten: „Aussteigen! Hier begann die Reise, hier ist sie zu Ende.“ Sie machte keinerlei Anstalten seiner Aufforderung nachzukommen. Zum Glück war sie wenigstens ruhig. Eine Szene hier an der Promenade wäre das Letzte gewesen, was er hätte brauchen können. Hier kannte man ihn. „Was hast du denn?“ Erneut keine Antwort.

 

Nach ungefähr zehn Minuten stillschweigenden Sitzens entschloss sich Fred, im Lokal gegenüber einen Kaffee zu trinken und sagte: „Ich gehe jetzt hier über die Strasse einen Kaffee trinken. Wenn ich zurückkomme, bist du weg! Verstanden?“ Keine Antwort. Fred stieg aus und überquerte die Strasse. Er wählte einen Platz in der Cafeteria, wo er seinen Wagen beobachten konnte und holte sich eine Zeitung. Er richtete sich auf längeres Warten ein.

 

Nervös und unkonzentriert blätterte er in seiner Zeitung und schielte immer wieder hinüber zu Joy. Nichts rührte sich. Sie sass unbeweglich im Wagen und blickte geradeaus.

 

Glücklicherweise war von Bettina nichts mehr zu sehen. Er wünschte sich zum ersten Mal, einen weniger auffälligen Wagen zu fahren.

 

Doch plötzlich, er traute seinen Augen kaum, schwang Joy sich hinüber auf den Fahrersitz und startete den Motor! Er schoss hoch und eilte über die Strasse. Gleichzeitig überlegte er, ob sie überhaupt schon 18 sei und den Führerschein gemacht haben könnte. Er hoffte es, für sie, für ihn und für den Wagen! Um diesen bangte er am meisten. Sie fuhr tatsächlich los, ohne Parkschaden.  Fred sah dem Wagen mit gemischten Gefühlen nach. Einerseits war er froh diese donnernde Göttin los zu sein. Andererseits wusste er nicht, wie er wieder zu seinem Flitzer kam.

 

Wieder zurück in der Cafeteria überlegte er sein weiteres Vorgehen: Vielleicht war sie nur kurz nach Hause gefahren, um sich umzuziehen und würde danach wieder hier erscheinen, gut gelaunt und in trockenen Klamotten. Dann könnte der Tag noch ganz gut enden! Heimlich hatte er bereits wieder Hoffnung auf ein gutes Ende. Er war immer noch in Stimmung.

 

Andererseits befürchtete er das Schlimmste und wollte kurz auf seinem Handy nachsehen, ob Bettina eine Nachricht hinterlassen hatte. Sie konnte richtig wütend werden. Und diesmal hätte sie sogar Grund gehabt zur Eifersucht!

 

Aber sein Handy befand sich im Sakko. Und dieses war im Auto. Er kam sich richtig blöd vor. Wie konnte er nur die Schlüssel stecken lassen! Ohne Handy war man heute niemand. Geld, Kreditkarten, alles im Auto. Er hätte die Schlüssel abziehen sollen. Hier war guter Rat teuer. Er hoffte, nicht allzu teuer.  

 

Er wusste nichts von ihr, ausser, dass sie gesagt hatte, sie heisse Susanne, werde aber von ihren Freunden Joy genannt. Keine Telefon-Nummer, keinen richtigen Namen, keine Adresse. Nichts!  Und weiter wusste er noch, dass sie angeblich Studentin war. Aber das bezweifelte er. Er hatte gleich zu Beginn das Gefühl, sie würde ihm etwas verheimlichen. Nun war es zu spät um zu fragen.

 

Fred sass im Boulevard-Café und überlegte. Der Tag hatte exzellent begonnen. Ein Glückstag. Er hatte die Eroberung seines Lebens gemacht! Joy war phantastisch! Und dann plötzlich diese abrupte Wende. Wie hätte er ahnen können, dass sie plötzlich so ausflippte? Was ging in ihr vor? Was dachte sie? Und wo war sie überhaupt? Kam sie wieder? Oder hatte sie von Anfang an nur auf eine Gelegenheit gewartet, ihn zu beklauen? Hatte sie sich ihn vielleicht gezielt dazu ausgesucht? War sie deshalb so bereitwillig zu ihm ins Auto gestiegen und hatte ihn mit ihren Reizen abgelenkt? War sie Teil einer Bande?   

 

© 2.10.2017 Verlag: Paul Wettstein, Luzernerstrasse 31, CH-6353 Weggis, +41 41 390 41 35, paulwettstein@bluewin.ch 

 



[1] Einfaches Gerät, um die Lungen und das Herz abzuhorchen.

[2] Spannungspnoe: Lebensbedrohliche Situation, bei welcher die Lunge (meistens) auf einer Seite verletzt ist und Luft in den Brustraum austreten kann. Dadurch wird die eine Hälfte der Lunge zusammengedrückt und für die Atmung unbrauchbar. Die Therapie besteht in der Entlastung durch Einstechen einer Nadel in den Brustraum, so dass die unter Druck stehende Luft entweichen kann.

 

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