Der Infarkt

 

Ihn fröstelte. Er öffnete die Augen und blickte direkt in die Spotlampe über ihm. Er fühlte sich ganz komisch, halb benommen. Zuerst wusste er gar nicht, wo er sich befand. Dann wurde ihm langsam klar, dass er beim Zähneputzen irgendwie gestürzt sein musste. Er hatte Kopfschmerzen und sein Kopf war blutverschmiert. Er tastete vorsichtig an seinen Hinterkopf. Er fand eine grosse, schrecklich blutende Wunde.  

Nun erinnerte er sich an seinen Druck in der Herzgegend und wie er langsam ohnmächtig geworden war. Da hatte er ja noch mal Glück gehabt, dass nichts Ernsthaftes passiert war! Aber was sollte er jetzt tun? Er wollte aufstehen. Aber da kam gleich wieder dieser ekelhafte Druck im Brustkorb. Diesmal noch stärker als vorher. Er musste sich wieder hinlegen. Er schaffte es nicht aufzustehen. Ihm wurde sogleich wieder schwindelig. 

Jetzt kam ihm erstmals der Gedanke, dass etwas mit seinem Herzen nicht in Ordnung sein könnte. Aber da war doch noch nie etwas. Wieso gerade heute. Jetzt wo er allein war? Er zerrte das Handtuch von der Stange am Waschbecken und band es sich um den Kopf, so dass der Hinterkopf bedeckt war. So konnte er wenigstens diese blöde Blutung etwas eindämmen. Jetzt kam der schwierigere Teil. Er musste es schaffen ins Schlafzimmer zu kriechen, um zum Telefon zu gelangen. Er wollte die Sanität anfordern.   

Er musste es wagen. Er hatte keine andere Wahl. Im Badezimmer liegen bleiben und auf den ungewissen Ausgang warten? Dazu war er noch nicht bereit. Sterben wollte er nicht. Er war ein Kämpfer und deshalb wollte er nicht aufgeben. Schon gar nicht, wenn es um Leben und Tod ging! Also los! Kriechen. Wozu sonst hatte er das im Militär geübt? Schon damals hatte ihm der Korporal eingeschärft, kriechen könne lebensrettend sein. Das schien sich nun zu bewahrheiten. 

Zum Glück waren es nur wenige Meter bis zum Nachttisch mit dem Telefon. Er wählte die Nummer 112. Von seinen Reisen her kannte er die internationale Notrufnummer auswendig. Er vermutete, dass sie auch hier gelte und prompt meldete sich eine kompetent erscheinende Stimme. Er musste nach Atem ringen. Diese kurze Strecke hatte ihn regelrecht geschafft. Er keuchte seinen Namen ins Telefon und sagte, etwas stimme nicht mit seinem Herzen. Er sei ohnmächtig geworden und habe sich den Kopf aufgeschlagen. Es blute wie verrückt. Der Beamte am Telefon fragte ihn nach seiner Adresse und versprach, sofort jemanden zu schicken. 

Raoul kroch in sein Bett und legte sich so hin, dass er nicht alles mit Blut verschmierte. Ganz liess es sich aber nicht vermeiden. 

Er streckte sich in seinem Bett aus und entspannte sich ein wenig. Sein Herz tat immer noch weh, wenn auch weniger stark. Eine Zeit lang hatte er befürchtet, es nicht zu schaffen.

 

Nahtoderfahrung

 

Er meinte zu träumen. Plötzlich sah er sich von oben. Er sah sich selbst mit geschlossenen Augen und blutverschmiert auf dem Bett liegen. Er hatte das Gefühl, an der Decke zu kleben. Er konnte von da oben sich selbst beobachten, wie wenn er ein anderer gewesen wäre. Es sah aus wie das Bild einer Überwachungskamera, nur farbig. Aber es bestand kein Zweifel: Er sah sich selbst da unten im Bett liegen und er sah das ganze Schlafzimmer mitsamt der blutigen Spur, die er gezogen hatte. 

Komischerweise sah er gleichzeitig auch das Bad und die blutverschmierten Fliesen. Und er sah auch alle anderen Zimmer und das ganze Haus. In der Küche stand noch die schmutzige Kaffeetasse. Auch den Garten konnte er überblicken bis zum See hinunter. Alles war hell und klar. Er hörte die Vögel und sah eine Katze am Ufer, die versuchte im seichten Wasser einen Fisch zu fangen, ohne dabei nass zu werden. Er schmunzelte. 

Doch dann war ihm, als würde er in einem Lift immer weiter nach oben getragen. Sein Horizont wurde weiter und weiter. Unendlich weit. Er sah alles! Und er sah alles gleichzeitig! Sein ganzes Leben. Alles war in gleissendes Licht getaucht und klar und deutlich zu sehen. Da war auch Bettina. Sie bemerkte ihn nicht. Auf seine Zurufe hin reagierte sie nicht. Auch seine Eltern waren da, obwohl sie vor Jahren gestorben waren. Und Chris und Edi. Und unten in der Loggia sah er sich und HP liegen. Komisch, der war doch vor kurzem erst losgefahren? 

Noch vieles anderes kam ihm komisch und unerklärlich vor und schwierig einzuordnen. Ort und Zeit waren verwischt. Die Ereignisse seines Lebens schwammen vor seinen Augen wie die Buchstaben in der Suppe. Er sah seine Geburt, seine ersten Fahrversuche auf dem Fahrrad, seine Lehrer, seine Hochzeit mit Bettina, seine beiden Kinder und auch sich selbst, wie er als strammer Junge in kurzen Hosen im Wald Feuerholz sammelt. 

Alles war gleichzeitig. Sein Mund war blau verschmiert von den vielen Heidelbeeren, die er zuvor gefunden und verdrückt hatte. Es war ein warmer Sommertag. Seine Kinderaugen leuchteten und er war glücklich. Er war gleichzeitig ein kleiner Junge und auch ein gestandener Geschäftsmann. Er sah seinen Vater, wie er mit Klein-Raoul an der Hand durch den Wald streift und im selben Moment auch sich selbst als Vater, zusammen mit klein-Edi und Chris am Strand Sandburgen bauen. 

Er erinnerte sich an alles. An jedes kleine Detail in seinem Leben. Jeder Gedanke, jede Stimmung und jede Freude, jeder Geruch und jeder Kuss waren wieder da! Er bekam Angst vor diesem Alles-Wissen. 

Plötzlich befand er sich vor einem langen, dunklen Tunnel. Er wusste nicht, wie er da hinkam, aber er wusste, dass er in diesen Tunnel hinein musste, obwohl er der Sache nicht recht traute. Er wurde förmlich hinein gesogen in dieses schwarze Loch. Glücklicherweise nahm er am anderen Ende einen hellen Schein wahr, der immer heller und leuchtender wurde. Er kam diesem Licht immer näher. 

Mitten im Tunnel war das Licht am hellsten und eine angenehme Wärme erfüllte ihn. Wellen plätscherten leise, wie an einem feinen Sandstrand. Dazu ertönte seine Lieblingsmusik. Ein feiner Blütenduft, wie von tausend exotischen Blüten, betörte ihn. Vögel zwitscherten und ein angenehmes, laues Lüftchen wehte leise durch sein Haar. Er kam sich vor wie im Paradies! Noch nie hatte er so etwas Schönes erlebt. Einfach wunderbar! 

Sein Herz wurde leicht und erfüllt von Liebe. Alle Sorgen, Ängste und Zweifel waren verschwunden. Einfach nicht mehr da. Er war nur noch glücklich! Er hätte die ganze Welt umarmen können. Sein Herz begann zu singen. 

Er spürte, dass er nicht allein war. Im hellen Licht sah er undeutlich eine weisse, strahlende Gestalt. Sie war nur angedeutet und schien transparent und leuchtend. Er konnte diese Erscheinung gar nicht richtig einordnen. Es war kein eigentliches Sehen oder Erkennen. Es war vielmehr ein Erahnen, ein Erfühlen.  Es war wie ein Gedanke, der Gestalt angenommen hatte. Unscharf, unkenntlich, nicht genau fassbar, leise und doch klar vorhanden. Jedenfalls deutlich spürbar. 

Von dieser Gedanken-Gestalt ging ein strahlendes Licht aus, wohlige Wärme und überschwängliches Glück. Er spürte, dass die von dieser sonderbaren Erscheinung ausgehende Wärme nichts anderes war als Liebe. Sie überschüttete ihn förmlich mit Liebe bis er selbst auch in Liebe zu erstrahlen begann! 

Er wäre gerne näher zu diesem Engel hingegangen. Zu diesem Licht, in diese Helligkeit. Hin zu seinem Glück! Er wollte sich vereinen mit dieser Seligkeit. Er wollte mitten drin sein. Er wäre gerne eingetaucht in diese Fülle. Er spürte plötzlich auch in sich das Wunder dieser unendlichen Liebe. Er fühlte sich unwiderstehlich angezogen und wollte nur noch eines: Eins werden mit diesem Zustand des Lichts! 

Raoul fühlte sich leicht und frei, wie am Ziel angekommen. Alle Schmerzen waren verflogen. Zögernd machte er den ersten Schritt auf den Engel zu. Er fühlte sich willkommen. Er gehörte dazu. Es war wie eine Heimkehr! 

Voller Freude und doch noch zögernd machte er den zweiten Schritt. Er kam nur langsam vorwärts. Das störte ihn aber nicht im Geringsten, denn er hatte das Zeit-Gefühl verloren. Alles war gleichzeitig und Zeit spielte keine Rolle. Er war vollkommen glücklich. Freude erfüllte ihn. Es hätte ihm genügt, wenn es einfach immer so geblieben wäre. Wenn er immer so glücklich und voller Liebe hätte sein können! 

Raoul wähnte sich im Himmel. Das musste der Himmel sein! So etwas Schönes hatte er noch nie erlebt. So glücklich war er noch nie. Er wurde noch nie so geliebt und hatte selbst noch nie so geliebt. Er fühlte sich total aufgehoben und angenommen. Er war in Ordnung, so wie er war. Alles war gut. Alles war Glück, Freude und Liebe! 

Keine Erwartungen mehr, keine Hoffnungen oder Befürchtungen, keine Ansprüche, kein Versagen, keine Ängste, keine Krankheit und keine Schmerzen. Alles war gut, so wie es war. Nur Geborgenheit und wunschloses Glück! Nur Vertrauen und Liebe! 

Beim nächsten Schritt wurde er plötzlich unsanft zurückgerissen. Er konnte sich nicht dagegen wehren. Er wollte hierbleiben. Hier, im Himmel, in der Liebe, im Glück und in der Freude. Er wollte nicht mehr zurück! Wieso auch? Wieso sollte er den Himmel verlassen, wo er doch eben erst am Ziel angekommen war? Nein, nein, neiiiin! Er wollte nicht zurück! 

Mit aller Kraft versuchte er einen Schritt nach vorn zu tun, aber es ging nicht. Es ging vielmehr in rasendem Tempo rückwärts, dorthin wo er herkam. Zurück zum Eingang dieses Tunnels, wo sein Glück begonnen hatte. Immer weiter zurück, weiter und immer weiter weg vom  Himmel! 

Plötzlich waren die Schmerzen wieder da und er spürte wie jemand eher grob an ihm herummachte. Er hörte Stimmen. Die eine sagte, der Elektroschock habe diesmal gewirkt. Zum Glück, denn er hätte nicht noch mehr geben können. Dies sei die höchste Stufe gewesen. 

Raoul versuchte verzweifelt das Licht nicht aus den Augen zu verlieren. Aber es bewegte sich immer weiter fort, wurde immer blasser und die Wärme spürte er auch fast nicht mehr. Einzig die Liebe war noch da. 

Da! Das Licht! Es kommt wieder! … Nein! Es war nur die Lampe des Arztes, der ihm in die Augen zündete und so die Pupillenreflexe kontrollierte. Der Arzt war zufrieden und sagte: „Wir haben ihn wieder! Gratuliere! Das war eine Meisterleistung! Wenn wir ihn stabilisiert haben, nehmen wir ihn gleich mit in die Klinik. Die IPS ist bereits orientiert. Alles ist bereit.“ Und zu den beiden Polizisten gewandt: „Sie können jetzt gehen. Danke vielmals!“ 

Die redeten von ihm! Was ging da vor sich? Woher kamen denn plötzlich all diese Leute? Er war doch nur kurz eingenickt. Vor wenigen Minuten hatte er die Sanität gerufen wegen diesen ekelhaften Brustschmerzen. Wie kamen sie denn herein? Er hatte ihnen ja die Türe nicht aufgemacht. Er sah sich etwas um und bemerkte die beiden Polizeibeamten, die sich gerade die Handschuhe auszogen. Hatten die etwa den Boden im Bad aufgewischt?   

 

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