Männergeschichten

Von Raoul Weger

 

Er hatte alles richtig gemacht!

 

Raoul lag noch im Bett, die Arme unter dem Kopf verschränkt und dachte nach. Er hatte es nicht eilig. Und je länger er auf sein Leben zurückblickte und Rückschau hielt, desto mehr kam er zur Überzeugung, dass er alles richtig gemacht hatte. Besser hätte es nicht laufen können. Er war gesund und hatte alles erreicht, was er sich vorgenommen hatte und wovon er jahrelang geträumt hatte: Geld, Karriere, Ansehen, alles hatte er sich hart erarbeitet. 

Auch auf seine Familie konnte er stolz sein. Gut, es war möglich, dass seine Kinder ihn früher zu wenig gesehen hatten, dass sie weitgehend auf ihn verzichten mussten, dass er oft nicht da war für sie, wenn sie ihn gebraucht hätten. Er hatte vor allem in ihren frühen Jahren wenig Zeit für sie. Aber für wen sonst hatte er so gerackert? Für wen hatte er die Firmen aufgebaut? Natürlich für seine Kinder! Sie hätten sein Lebenswerk nur fortzuführen brauchen. Er hatte alles vorbereitet. Gut vorbereitet! 

Raoul dachte dabei vor allem an seine Tochter, Christina. Sie war ganz von seinem Schlag. Sie hatte alle guten Fähigkeiten von ihm mitbekommen und dazu noch diejenigen ihrer Mutter! Er war mächtig stolz auf sie! Sie konnte in grossen Zusammenhängen denken. Ihr heutiger Job bei der Bank war die beste Vorbereitung, um danach in seine Fusstapfen treten zu können.  

Sie hätte ihre Talente hier voll einsetzen und entfalten können. Aber nein, kein Interesse. Ihr Platz sei in der Bank! Raoul konnte sie nicht verstehen. Er hatte lange gehofft, sie würde auf ihren Entscheid zurückkommen. 

Bei seinem Sohn Edi sah Raoul überhaupt nicht klar. Derzeit arbeitete Edi an seiner Doktorarbeit an der ETH. Er wollte sich nicht festlegen und studierte quasi auf Vorrat, um nicht in die Berufswelt eintauchen zu müssen. Edi hatte tausend Ideen. Aber jedes Mal, wenn es um die Umsetzung der Zukunft ging, entwischte er wie ein schlüpfriger Fisch. Trotzdem stand ihm jede Tür offen.   

Das Leben kann kommen!

 

Er arbeitete also nicht mehr und hatte Zeit. Er war richtig stolz auf sich und darauf, dass er es geschafft hatte im rechten Augenblick aufzuhören. Bisher hatte er seine ganze Kraft der Arbeit geopfert und sein übriges Leben, mit all seinen unerfüllten Wünschen, stets aufgeschoben. Aber jetzt musste er nicht mehr verzichten! Jetzt konnte er das Verpasste nachholen und sich seine Träume erfüllen. 

Was für ein Gefühl! Mit Schwung warf er die dünne Bettdecke mit beiden Füssen weit von sich, sprang mit einem Riesensatz aus dem Bett und streckte sich. Er fühlte sich voller Kraft und Tatendrang und gleichzeitig leicht und wohlig. 

Wärme durchströmte seine Glieder. Seit seiner Kindheit war er nie mehr so glücklich gewesen. Am liebsten hätte er einen Luftsprung gemacht und wäre durch den Garten gehüpft, wie damals, als er noch barfuss und in kurzen Hosen zu Hause bei Mami herumtollte. Er öffnete die Terrassentüre und trat hinaus. Er sog die frische Morgenluft tief in seine Seele hinein und liess sie wirken. 

… Tat das gut! Er war zufrieden mit sich und der Welt. Und er war glücklich! 

Er wird wieder ganz zu diesem unbeschwerten, glücklichen Jungen, der barfuss und in kurzen Hosen durch die duftende Blumenwiese hüpft und mit seinem, für Mami frisch gepflückten Margeritenstrauss, quer durch die Wiese läuft. Voller Freude und mit roten Pausbacken streckt er sie Mami entgegen, die ihn bereits unter der Türe erwartet, mit ausgebreiteten Armen und einem liebevollen Lächeln. „Oh, sind die aber schön!“ 

Immer noch als klein Raoul in seiner Bilderwelt lebend, sieht er sich etwas zaghaft um und versucht einen Luftsprung. Es ist ihm so leicht ums Herz, dass er es einfach versuchen muss! Erwartungsgemäss gerät dieser aber eher zu einem kleinen Hüpfer als zu einem Sprung. 

Als er aus seinem Tagtraum erwachte, fühlte er sich 10 Jahre jünger. „So beginnt der perfekte Tag!“ dachte er bei sich und schlenderte in Gedanken versunken von der Terrasse den Weg hinunter zur Loggia am See. Dort setzte er sich in den Schatten und schwebte weiter in seinem Glück. 

Seit die Kinder erwachsen und ausgeflogen waren, war es ruhiger geworden im Haus. Der ideale Zeitpunkt also, um in ferne Kontinente zu reisen und fremde Länder zu erkunden. Raoul träumte davon, diese mit Bettina an seiner Seite zu erleben.  

Er schaute den kleinen Entchen zu, welche sich im Schilf versteckten, und der Enten-Mamma, welche laut schnatternd versuchte, ihren sieben putzigen Kleinen zusammen zu halten. 

In seinem Inneren begann es zu singen. Irgendeine unbekannte Melodie. Sie kam direkt aus seinem Herzen. Lange hatte er sich nicht mehr so glücklich und zufrieden gefühlt!   

 

***

 

Raoul hing weiter seinen Gedanken nach. Dazwischen roch er mal an der einen und anderen Rose. Sie waren alle wunderschön und dufteten phantastisch, jede für sich. Er fühlte sich wie im Schlaraffenland, hineinversetzt in ein Märchen aus fernen Ländern. Eine tiefe Zufriedenheit erfüllte ihn. 

Aber je länger sein Glück dauerte, desto unruhiger wurde er. Immer deutlicher spürte er, dass etwas fehlte. Er sah sich um und suchte mit seinen Augen Bettina. Wo blieb sie denn? Einen so wunderbaren Morgen konnte sie doch nicht mit Hausarbeit vergeuden! Sie soll kommen und sich neben ihn setzen! Er möchte zusammen mit ihr diesen wunderbaren Morgen geniessen, den Vögeln zuhören und den Booten nachsehen. Sie könnten einfach zusammen in der Loggia sitzen und sich zurück lehnen! Nichts tun. Alle Geschäftigkeit zurücklassen und die Seele baumeln lassen.   

Sie würde bestimmt ein Buch lesen wollen. Kein  Problem. Sie sollte einfach nur da sein, bei ihm. Er wollte sein Glück mit ihr teilen. Er wollte sich an ihrem Glück freuen! Er hätte sie gerne in seiner Nähe gespürt.  

Fred

 

Da ertönte die Hausglocke. Raouls Gesichtszüge spannten sich und er biss sich auf die Lippen. Das konnte nur Fred sein! Um diese Zeit war nur einer so dreist bei ihnen hereinzuplatzen! Immer dieser Fred! Diese Klette! In letzter Zeit war er fast täglich hier, machte es sich bequem in der Loggia und quatschte einem die Ohren voll. Er war so was von lästig! 

Raoul begann zu frösteln, obwohl die Sonne ihm jetzt direkt auf den Kopf brannte. Der Gedanke an Fred löste in seinem Brustkasten Beklemmung aus. Sein Herz holperte wie eine alte Eselskarre und begann wirr durcheinander zu schlagen. Raoul spürte einen Druck in der Herzgegend und bekam kaum Luft. Er stand auf und ging langsam den Weg zurück zum Haus. Mit der Hand auf seinen linken Brustkorb gepresst schlich er förmlich die kleine Steigung hinauf. 

Seine Stimmung stürzte sich mit einem Sprung von der hohen Klippe hinunter in die Brandung. Er war wieder in der Gegenwart angekommen, das Glücksgefühl verschwunden. 

Fred war ein Schmarotzer, ein leerer Schwätzer. Raoul spürte die Wut in sich hochsteigen und sein Herz klopfte noch heftiger. Trotz der wirklich kaum spürbaren Steigung rang er nach Luft und kalte Schweisstropfen bildeten sich auf seiner Stirn. Er blieb stehen und keuchte. Glücklicherweise war der Spuk nach einigen Sekunden vorbei und er erreichte seine Terrasse ohne weitere Zwischenfälle. Dort liess er sich in die Hollywood-Schaukel plumpsen und ruhte sich aus. 

Aber die Gedanken an Fred liessen ihn nicht mehr los. Offenbar gefiel es Fred hier so gut, dass er kaum noch Lust verspürte, sich in seinen grandiosen Sportwagen zu schwingen und ziellos in der Gegend herumzukurven. 

Ach nein! Dieser blöde Idiot kurvte ja nicht ziellos herum! Er kurvte vielmehr gezielt nach Kurven! Er war ein Aufreisser, ein Gigolo alter italienischer Schule. Dazu stürzte er sich jeweils in seinen weissen Anzug, mit weissen italienischen Schuhen, das Hemd weit geöffnet, so dass jeder seine braungebrannte, glattrasierte und muskulös-durchtrainierte Brust sehen konnte. Er setzte die Ray Ban auf und seinen weissen Strohhut und begab sich auf die Pirsch. Allerdings nicht auf leisen Sohlen. Er öffnete dazu vielmehr das Verdeck seines roten Mustangs und drehte seine Musikanlage mit Power-Booster voll auf, so dass ihm nicht nur Damen nachschauten. 

Raoul musste sich eingestehen, dass Fred ziemlichen Erfolg hatte! Freds Masche mit den Blumen schien zu funktionieren. Ganz gezielt steuerte er jeweils seinen teuren Flitzer neben eine hübsche Frau auf der Promenade, fuhr im Schritttempo neben ihr her, hielt wenige Meter vor ihr an, sprang elegant aus seinem Wagen und übergab ihr eine rote Rose. Dabei versprühte er seinen ganzen Charme. Natürlich lächelte die Auserkorene ihm zu und schon sassen beide auf dem eleganten Leder. Der Motor heulte auf und los ging’s!  

Als er sich erinnerte, dass Fred ihn vor wenigen Wochen gefragt hatte, ob er zu Raouls Ferienhaus im Tessin fahren dürfe, kam Raoul erneut die Galle hoch. Fred hatte ihm ganz harmlos und mit spitzbübischer Mine ins Ohr geflüstert, er hätte da etwas am Laufen, das er hier in der Gegend nicht zeigen könne. Raoul sei doch sein Kumpel und könne ihm diesen Wunsch wohl kaum abschlagen.   

Er erinnerte sich auch, dass Fred ihm mal bei einem Gespräch unter Männern gestanden hatte, dass Frauen für ihn eine Art Jagdobjekt seien. Sobald er ein geeignetes Exemplar auf seinem Radar habe, fände er keine Ruhe mehr, bis er am Ziel sei. Dazu sei ihm jedes Mittel recht. Bestimmt war Bettina, als attraktive Ehefrau seines langjährigen Freundes, ein ganz besonders attraktives Ziel für ihn. Wie gross musste sein Triumph sein!  

Die Katastrophe

 

Raoul sass immer noch erschöpft auf der Terrasse, im Schatten in seiner Hollywood-Schaukel. Tränen rannen über seine Wangen. Er wimmerte leise. Ein Häufchen Elend. Nichts war mehr zu spüren von der Lust auf Luftsprünge. Die Katastrophe hatte wieder sein Bewusstsein erreicht! 

Wie konnte das nur passieren?  Hatten sie nicht beide jahrelang auf ihr gemeinsames Ziel der Frühpensionierung hingearbeitet und hätten nun die Früchte ihrer Arbeit ernten können? Ohne Ernte machte die Schufterei doch keinen Sinn!   

Er verstand es nicht. War es ihr langweilig neben ihm? Hatte sie Angst vor so viel Nähe und Zweisamkeit? War sie zu jung, um aus der Arbeitswelt auszusteigen? Hätte sie lieber noch einige Jahre weiter gearbeitet? 

Keine dieser Fragen konnte er beantworten. Bettina hätte bestimmt Antworten geben können, aber sie wollte ja weg. Möglichst bald, zum Reden blieb keine Zeit.   

Alles umsonst?

 

Ausgerechnet jetzt wollte Bettina Raoul verlassen! Sie gehörte doch zu ihm! Er musste sich verhört haben! Das konnte doch nicht wahr sein! Sie hatten beide ihre ganze Kraft in ihr gemeinsames Ziel investiert, um jetzt mehr Zeit für einander zu haben. Sie träumten doch beide davon, ihren Lebensabend gemeinsam zu verbringen an diesem schönsten Flecken der Erde.     

Raoul stand auf und machte sich ein kühles Sprudelwasser. Er trank das ganze Glas in einem Zug leer und machte sich gleich ein zweites mitsamt zwei Eiswürfeln, bevor er wieder hinaus ins Freie trat um sich erneut im Schatten niederzulassen. 

Sogleich holten ihn die trüben Gedanken wieder ein. Seine ganze Freude war verflogen. Er hatte keine Augen mehr für die Schönheiten der Natur. Er sah den See nicht, nicht die Motorboote, welche ihre Spuren durch das Wasser zogen. Auch den Pilatus mit seinen letzten Resten Schnee würdigte er keines Blickes, obwohl er für gewöhnlich sich an diesem Berg kaum satt sehen konnte. Er war richtig stolz auf diesen Berg, welcher die Landschaft am See dominierte. Er fühlte sich mit dem Pilatus irgendwie persönlich verbunden. Aber heute nicht. Jetzt existierte nichts mehr um ihn herum.   

Was war falsch?

 

Bereits morgen wollte Bettina ausziehen! Vorgestern, als er vom Golf zurückkam, hatte sie es ihm gesagt. Die Nachricht schlug bei ihm ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel, wie aus einem dunklen Hinterhalt geschossen! Nie im Traum hätte er so etwas vermutet! 

Sie wollte ihn verlassen und zu Fred ziehen! Raoul glaubte sich im falschen Film! Das konnte nicht wahr sein! Das durfte einfach nicht wahr sein! 

Warum wollte Bettina alles zerstören? War sie hier nicht glücklich? Nicht glücklich mit ihm? Nie hatte sie sich beklagt. Nie hatte sie über ihre Gedanken, Beweggründe oder über ihre Gefühle geredet. 

Dabei hatte ihr doch nichts gefehlt. Sie genoss seine Anerkennung und dazu jede erdenkliche Freiheit und jeden Luxus. Er liebte und vergötterte sie. Er schätzte ihre Art und auch ihre Freunde. Er wusste wirklich nicht, weshalb sie ausziehen wollte! 

Liebte sie ihn noch? Oder weshalb nicht mehr? Was hatte er falsch gemacht? War vielleicht doch nicht alles richtig, was er gemacht hatte?    

Hatte sie es so nötig?

 

Oder lag es gar nicht an ihm? Lag es an ihr? Brauchte sie einfach etwas Abwechslung? War es ihr zu langweilig? Wollte sie einfach mal einen anderen Mann? Sex mit einem anderen? Komplimente eines Anderen? Er wusste, wie empfänglich Frauen in ihrem Alter auf Komplimente reagierten. War sie auf den Schmus von Fred hereingefallen? Hatte sie diesen Fred wirklich nötig? War sie so bedürftig? 

Fred  d e r  Schürzenjäger der Gegend! Raoul schüttelte langsam den Kopf. Aber doch nicht Bettina. Das war nicht ihre Art. Das war lächerlich. Aber offenbar war gegen solche Typen kein Kraut gewachsen. 

Kam sie wieder zurück nach ihrem Abenteuer? Wollte er das überhaupt? Und wie lange dauerte diese Episode noch? 

Tausend Gedanken schossen ihm durch den Kopf. 

 

***

 

Wo war sie denn? Und wo war Fred? Das konnte ja nur Fred gewesen sein an der Tür. Wer läutete denn sonst um diese Zeit Sturm? Raoul rechnete damit, dass Bettina jeden Augenblick die Treppe vom oberen Stock herunter kommen könnte. Er hatte sie heute noch nicht gesehen und das war ihm jetzt gerade recht. Er wollte nicht, dass sie ihn in diesem Zustand sah. Er wollte sich keine Blösse geben. Er wollte nicht weinen. 

Warum war sie überhaupt noch hier? Soll sie doch gehen! Zu diesem Gockel, diesem Gecken, diesem…,          ach was…! Er versuchte mit einer Handbewegung seine Gedanken wegzuwischen, aber er sah nur, wie sich seine Faust ballte! 

Fred soll ihr den Hof gemacht und ihr das Blaue vom Himmel versprochen haben. Im Golfclub wurden, vor allem unter den Ladies, die haarsträubendsten Geschichten herumgeboten. Alle beneideten sie um ihre Eroberung. Fred habe ihr täglich mehrmals gesagt, wie hübsch und wie schön sie sei und dass er nachts nicht mehr schlafen könne aus lauter Liebe zu ihr. Kein Wunder, dass Frauen auf ihn reihenweise hereinfielen. Und nicht nur solche in einem gewissen Alter! Er machte es mit jeder gleich! Und trotzdem gab es im Club einige Damen, die Bettina ihr Glück missgönnten. 

Offenbar fiel Bettina genauso auf seinen Schmus herein wie alle. Vermutlich glaubte sie gar, sie sei die Ausnahme! Bei ihr sei alles anders! Sie glaubte offenbar tatsächlich, sie sei seine grosse Liebe! Lächerlich! Fred und Liebe! Das passte zueinander wie eine Faust aufs Auge! Wie konnte sie nur so naiv und dumm sein? Wie konnte sie diesem Fred nur glauben? Er hatte sie für klüger gehalten. 

Raoul zuckte zusammen und erschrak, denn er glaubte Bettina auf der Treppe gehört zu haben. Oder war es Fred? Langsam drehte er sich um. Nichts! Zum Glück! Er musste sich wohl getäuscht haben. Es kam ihm so vor, als ob er sie an jeder Ecke hören würde. Mal ein Schatten hier, mal ein Rascheln dort, ständig war Bettina irgendwo und doch nicht fassbar. Sie war in seinem Herzen, in seinen Gedanken, in seinem Kopf, im ganzen Körper. Sie beherrschte alles in ihm, füllte alles aus und war doch nicht da! 

 

***

 

Sogleich fiel er wieder in seine Gedanken zurück: Kommentarloser Auszug! Einfach weg, innerhalb von drei Tagen! Er hoffte, bald aus diesem Albtraum erwachen zu können.  

Er hatte ihr blind vertraut. Und nun war er das Gespött des Tages. Das ganze Dorf wusste es schon, nur er hatte keine Ahnung! Liebe machte offenbar wirklich blind! Es war aber auch nicht vorhersehbar, dass es Fred, dieses miese Subjekt, auf Bettina abgesehen hatte und ausgerechnet sie ins Tessin entführen wollte. So eine Frechheit! 

Raoul war überzeugt, dass sie bald reumütig zurückkehren würde. Eine kleine Affäre, weiter nichts. So eine Affäre schmeichelte den Frauen offenbar sehr. Geschenke, Komplimente, alles wunderbar und wieder neu! Wieder mal umworben werden, das wollten doch alle Frauen. Aber er hatte sie doch nicht vernachlässigt. Vielmehr hatte er sie stets auf Händen getragen. 

ER erhob sich. Seine gute Laune war definitiv im Eimer. Seine Leichtigkeit war wie weggeblasen. Ihm war kalt, trotz der langsam steigenden Tagestemperatur. Nichts spürte er mehr von der wohligen Wärme dieses sonnigen Morgens, wo er glücklich wie ein Kind Luftsprünge machen wollte. Er war wieder in der Realität angekommen. Traurig, ratlos, wütend. Mit hängendem Kopf trottete er ins Haus zurück. 

Da sah er Bettina auf der Treppe. Diesmal war es kein Gespenst. Ganz automatisch ging er auf sie zu, trotz dem verweinten Gesicht, und schloss sie in die Arme. Sie umarmten sich und weinten beide. Sie sah den flehenden Ausdruck in seinen Augen, sagte aber nichts. Und er brachte sowieso keinen Ton heraus. Schweigend und weinend standen sie eng umschlungen im grossen Wohnzimmer. 

Nach unendlich langer Zeit liess er sie los und fragte: „Willst Du wirklich…?“ Kurz und schnippisch gab sie zur Antwort: „Tut mir leid!“, dann stiess sie ihn von sich weg, zog ihre Schuhe an, packte die Schlüssel in die Handtasche und liess die Türe ins Schloss fallen. Fred hatte draussen im Auto gewartet. 

Und Raoul hatte gehofft, sie würde es sich in letzter Minute noch anders überlegen! 

Aber wozu hatte sie die Schlüssel mitgenommen?

 

© 2.10.2017 PW-Verlag: Dr. med. Paul E. Wettstein, Luzernerstrasse 31, CH-6353 Weggis, Tel: +41 41 390 41 35, paulwettstein@bluewin.ch

 

 

 

  

 

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